Das Kotti - Wohnzimmer. Gemeinsam Sein können

Die Sonne scheint. Es ist ungewöhnlich für einen Mittwochnachmittag im Oktober. Männer und Frauen stehen am Kottbusser Tor Ecke Reichenberger Straße. Ein weißer Bus mit Anhänger fährt vor und es dauert nur wenige Minuten bis zehn Tische und Bänke aufgestellt sind. Die Tische sind gedeckt mit weißem Porzellangeschirr ein Willkommensschild und Blumen laden zum Sitzen ein.

Foto: Kiezreporterin QM ZKO

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Als der Kuchen und Kaffee auf den Tischen verteilt ist, dauert es auch nur wenige Minuten bis die ersten Menschen Platz nehmen. Gitarrenmusik ertönt.

Am 10. Oktober verwandelte das Café SehnSucht den sonst so tristen. dreckigen Platz am Kottbusser Tor in ein Wohnzimmer im Kiez. Das Ziel des Nachmittags ist einfach. Begegnung zwischen Menschen, die tagtäglich aneinander vorbeilaufen, die nebeneinander wohnen, die den Kotti als Heimat bezeichnen, aber noch nie miteinander in Kontakt gekommen sind.

Es dauert nicht lange, da sitzen ältere Herren neben der Frau ohne Obdach. “Ich wohne seit 40 Jahren hier, dort oben”, ein 80-jähriger Mann zeigt mit seinem Finger auf das riesige Gebäude vor uns. “Es hat sich viel verändert, ich gehe kaum noch nach draußen. Aber heute ist es schön.”

Foto: Kiezreporterin QM ZKO

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Der alkoholisierte junge Mann greift zur Gitarre, neben ihm ein kleiner blonder Junge, der das Cajon spielt und ein anderer der singt. Am Tisch für die kleinsten Gäste sitzen zwei junge Männer, mit Fluchthintergrund und malen mehrerer Stunden. “Ich musste arbeiten gehen, als ich sechs Jahre war”, erzählt einer der beiden, während er eine Palme und das Meer auf seine Puzzelvorlage malt. “Ich habe vergessen, was es heißt ein Kind zu sein.” Irgendwann sitzen auch Eltern mit ihren Kindern am Tisch. Während einige von ihnen in Katzen oder Löwen verwandelt werden, malen die anderen neben den zwei erwachsenen Männer.

An einem anderen Tisch wird gespielt. Nicht mit dem Handy, sondern mit dem Schachbrett. Daneben steht ein Schild mit Sozialberatung und Kummerkasten. Während des Nachmittags geht ein Buch von Tisch zu Tisch. “Story Book” ist auf dem Einband geschrieben, auf der ersten Seite steht in mehreren Sprachen die Aufforderung “Erzähl deine Geschichte”. Schlägt man das Buch auf, findet man Beiträge auf Arabisch, türkisch und deutsch, ein gemaltes Bild - ein Kunstwerk, das die Geschichte des Kottis aus den Augen derer erzählt, die ihn am besten kennen.

Der Nachmittag verläuft erstaunlich ruhig. Selbst die Polizei verlässt ihren Stammplatz und nimmt sich genüsslich Kuchen und Kaffee mit. Während man sonst kaum bis zehn zählen kann, ohne eine Sirene zu hören, zu sehen wie sich mehrere Menschen streiten, rücken diese Dinge in den Hintergrund.

Einfach Sein Können, egal wer du bist und was du hast. Egal ob groß oder klein, egal ob arm oder reich. Was verbindet? Vielleicht die Heimat, das Kottbusser Tor oder die Sehnsucht nach Gemeinschaft.

Foto: Kiezreporterin QM ZKO

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