Punk Zwieback, Heinoletten-Chips? Durch das Schaufenster in eine Späti-Kunstwelt blicken

Bunte Produkte wie Chips, Schokoriegel, Getränke und Haushaltswaren stapeln sich in den prall gefüllten Regalen. Wie das nun mal in einem Spätkauf so ist. Aber ist der Laden neben dem SO36 in der Oranienstraße neu oder warum ist er mir nicht vorher aufgefallen?

Ein Blick auf die Produkte verwirrt: Iggy Pop Six Packs, Rotz Kotz Kekse, Freddy Mercury Toothpaste, Cure-Kekse (engl. für heilen). Im Kühlschrank steht ein Tetra Pak-Getränk mit dem Namen Black Life Matters, darunter Hasenmilch. Rechts an der Wand sind To-Do-Flaschen aufgereiht, darüber ein Werbeplakat mit drei Männern. „Emancipation? We have other things to do“ (Emanzipation? Wir haben Anderes zu tun), rufen sie. Solche Dinge habe ich in den anderen Spätis noch nie gesehen. Der Trick von Silke Thoss – ihr Pseudonym Silky hängt leuchtend im Schaufenster – funktioniert. Der oder die Vorbeilaufende ist irritiert – so täuschend echt wirkt der Späti, der keiner ist.

(c) Matthias Zickrow

(c) Matthias Zickrow


Die Künstlerin hat alle Produkte in Handarbeit hergestellt: aus Pappmaché, bemalt mit Acryllack. Sie können erworben werden und wenn ein Kunst-Produkt gekauft wurde, formt und bemalt Thoss es nach. Fertig ist es erst nach zwei Tagen Trocknung. „Eine Fleißarbeit“, wie die Künstlerin sagt.

(c) Matthias Zickrow

(c) Matthias Zickrow

(c) Matthias Zickrow

(c) Matthias Zickrow

Vor Weihnachten packte Thoss auch Geschenkeboxen mit Kunst-Produkten zusammen – mit Bezug zu Musiker*innen und Bands, die mal im SO36 spielten (Die Ärzte, Fehlfarben oder Stereo Total). Von den Künstler*innen handsigniert waren sie auf Ebay bald verkauft. Der Erlös ging an den Club SO36, der wegen der Pandemie gerade ums Überleben kämpft.

Viele der Produkte nehmen auf ironisch-lustige Weise Bezug auf gesellschaftliche Phänomene oder Ereignisse. So wie die To-Do-Flaschen, die Macho-Nachos (Emanzipation und Feminismus) oder das „There is no Planet B“-Pils (Klimawandel). Thoss habe zudem das Leben von Künstler*innen in der Pandemie reflektiert – in den Produkten „Fuck Art“ oder „No Show“. Viele Künstler*innen können aktuell nicht auftreten oder ausstellen, sie kämpfen um ihre Existenz.

Auch deshalb freut sich Thoss über die Möglichkeit im Kunstraum Salon 36 auszustellen – auch wenn gerade niemand in den Laden darf. Bis zum 22. Januar ist der Papp-Späti noch durch das Schaufenster zu sehen, über das Kontaktformular auf der Webseite www.silke-thoss.com/kontakt/ können Termine vereinbart werden.

  • Ort: Salon 36, Oranienstraße 188
  • Webseite der Künstlerin: www.silke-thoss.com
  • Fotos: Matthias Zickrow